Rede aus Anlass der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes am 8. Januar 2008
von Cyril Svoboda
Sehr geehrter Herr Botschafter, Frau Elfenkämper, meine Damen und Herren,
die Entscheidung des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Horst Köhler, mir das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband zu verleihen, ist für mich eine Ehre. Die Entscheidung des Herrn Bundespräsidenten ist für mich etwas ganz Ausserordentliches.
Den größten Teil meines Lebens habe ich in der Zeit der erzwungenen bipolaren Teilung Europas verbracht. Gerade Deutschland war damals ein ganz besonderes Symbol. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich als ein Land gezeigt, das seiner eigenen Selbstreflexion mächtig war. Sie hat sich mit ihren ehemaligen Feinden versöhnt und stand auch am Anfang des größten Friedensprojekts unseres Kontinents, der europäischen Integration. Dennoch versuchte das tschechoslowakische totalitäre Regime seinen Bürgern den Blick auf Nachkriegsdeutschland nicht nur als ein Symbol des wilden Kapitalismus, sondern auch als eine bewaffnete Macht, die eine Bedrohung darstellt, zu indoktrinieren. Trotz des Wirtschaftswunders wurde Deutschland als ein Staat abgrundtiefer sozialer Unterschiede präsentiert, wo die Mehrheit keine Chance hat, ein glückliches Leben zu führen, und wo die Rechte der Armen nicht respektiert werden. Viele unsere Bürger haben diese Propaganda tatsächlich geglaubt. Leider haben auch heute einige ihre Haltung nicht geändert, obwohl sich jeder vom wirklichen Zustand überzeugen kann.
In der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit war das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen nicht einfach. Dennoch kann man die Tatsache eines inspirierenden Zusammenlebens der tschechischen und deutschen Kultur nicht verleugnen.
Im tschechischen Grenzgebiet, wo heute Leute ohne Wurzeln leben, gibt es Spuren einer starken Besiedlung in der Vorkriegszeit und eines regen Lebens der Deutschen, die jahrhundertelang auf dem Gebiet unseres Staates gelebt haben. Ihr Zuhause und ihre Grundstücke zeugten überwiegend von einem ehrlichen Leben und einer Arbeit von Menschen, die sich moralisch von den Tschechen nicht unterscheiden. Auch sie haben sich jedoch zu einem bestimmten Zeitpunkt – so wie die Tschechen zehn Jahre später – durch die Propaganda eines totalitären Regimes beherrschen lassen.
Aus unserer Geschichte kann die Lehre gezogen werden, dass die totalitären Regime dank der Atmosphäre in der Gesellschaft an die Macht gekommen sind. Dieser Zustand war ein Ausdruck der sich vertiefenden Materialisierung der Gesellschaft, der Orientierung nur auf den gegenwärtigen Zeitpunkt und der Abstumpfung der Fähigkeit, das Leben sub specie aeternitatis wahrzunehmen.
Ich schätze die mutige Geste von Václav Havel, mit der er sich nicht nur für die an der deutschen Bevölkerung verübten Gewalt bei deren gewaltiger Aussiedlung aus unserem Land entschuldigt hat, er hat sich auch für den Abschub selbst entschuldigt. Er hat es getan, obwohl offenbar ist, dass niemand mehr die Nachkriegsordnung einschliesslich der Eigentumsverhältnisse ändern wird. Deshalb schätze ich auch die Tatsache, dass gerade die Deutschen, die ihre Wurzeln bei uns haben, nach 1989 wesentlich zur Renovierung von Denkmälern, insbesondere von Kirchen und Friedhöfen in unserem Grenzgebiet beigetragen haben.
Ihre Unterstützung verstehen wir als etwas Selbstverständliches, obwohl sie nicht selbstverständlich ist.
Ich bin stolz darauf, dass ich wenigstens mit einem geringen Anteil zur Gestaltung der hervorragenden Beziehungen zwischen unseren Ländern beitragen kann. Meiner Meinung nach sollen wir uns auf die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren, die Geschichte jedoch in ihrer Komplexität weiterhin wahrnehmen. Es liegt in unserem eigenem Interesse, dauerhaft feste Beziehungen zu unseren Nachbarn zu haben. Es freut mich, dass wir heute in einer Union sind, dass wir Mitglieder der NATO sind ...
Wir sind also Deutschlands Verbündete, ähnlich wie z.B. der Slowakei. Die Grundlage unseres Verhältnisses stellt für mich das gegenseitige Vertrauen dar. Wir können unterschiedliche Ansichten haben, müssen einander jedoch vertrauen.
Ich empfehle, die neue Konstellation der europäischen Politik, des wiederbelebten deutsch-französichen Motors voll zu nutzen. Eine bedeutende Rolle kommt in dieser Politik der Bundeskanzlerin Angela Merkel zu, die ein großes Verständnis für Mitteleuropa hat. Positiv kann sein, dass der französische Präsident Nicolas Sarkozy nach einer höheren Dynamik ruft und mit seiner Parole : „Gemeinsam ist alles möglich“ aufmuntert. Mit „Gemeinsam“ verstehe ich „auch mit uns, mit der Tschechischen Republik“. Ich hoffe, dass in dieser Verbundenheit Neues geschehen wird. Europa braucht eine starke Identifizierung der politischen Elite mit der Europäischen Union als einem politischen Projekt. Nur die politische Elite, die auf diese Weise ihre Verantwortung für das gemeinsame Europa übernimmt, wird auch die Bürger für das gemeinsame Werk begeistern.
Dies soll auch für uns eine starke Motivation sein. Ja, gemeinsam ist alles möglich. Daran halten wir uns. Es heisst, im wahrsten Sinne des Wortes Verbündete, Europäer zu sein. Es ist unsere Aufgabe, dass sich damalige Dramen nicht mehr wiederholen. Es ist unsere Aufgabe, dass Europa sicherer gegen mögliche Bedrohungen des 21. Jahrhundert ist, die sich von den Bedrohungen der Vergangenheit unterscheiden. Es ist unsere Aufgabe, dass Europa unabhängig ist, und zwar nicht nur was die Energieversorgung angeht. Es ist unsere Aufgabe, dass Europa aus globaler Sicht eine geachtete Macht ist.
Die tschechisch-deutschen Beziehungen sind keine Selbstverständlichkeit. Sie werden so sein, wie wir sie haben wollen. Die Beziehungen zwischen den Staaten sind und können nicht unpersönlich sein. Es sind Beziehungen, die von Menschen gestaltet werden. Jeder von uns trägt einen Teil der Verantwortung für deren Gestaltung. Mir ist sehr an deren hoher Qualität gelegen und so wird es auch bleiben. Und damit bedanke ich mich auch bei Ihnen, sehr geehrter Herr Botschafter, noch einmal für die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes.
Cyril Svoboda